Den Ernstfall geprobt

Quelle Text und Bild : botschaft.ch

Übung «PIEZO»! Es ist Dienstagabend, 18.35 Uhr. Die Führungsleute aller Partnerorganisationen des Bevölkerungsschutzes Zurzibiet sind aufgeboten: Polizei, Feuerwehr, Zivilschutz, Vertretende des Gesundheitswesens und der technischen Betriebe.

Ort des Geschehens: Der Kommandoposten des Regionalen Führungsorgans, kurz, der KP RFO. Er liegt in Lengnau, in einer modernisierten Zivilschutzanlage im Untergeschoss des Werkhofs. 

Im Sitzungszimmer läuft ein Abspracherapport. Es ist nach dem Startrapport von 17.15 Uhr bereits der zweite Rapport des Abends. Stefan Indermühle, Stellvertreter des Chefs des RFO und Marco Koller, Stellvertreter des Stabchefs des RFO, führen durch den Rapport. Die Verantwortlichen der verschiedenen Fachbereiche tragen gerade die aktuellsten Informationen zur Ausgangslage und zu den verfügbaren Mitteln zusammen. Daraus ziehen die Einsatzleiter ihre Erkenntnisse, leiten mögliche Konsequenzen ab und lösen schliesslich Aufträge aus.

Mit im Raum stehen, nicht als Teilnehmer, aber als Beobachter, auch Vertreter der Übungsleitung. Zum einen sind das die Mitarbeitenden beziehungsweise Leiter der kantonalen Sektionen «Katastrophenvorsorge» und «Trinkwasser», zum anderen Karl Mayer und Andy Walder, ihrerseits Stabschef und Chef des RFO. Mäni Moser, der Präsident des Bevölkerungsschutzverbandes Zurzibiet, ist ebenfalls anwesend. Sie alle werden – nach der Übung – beurteilen, wie sich die Beübten geschlagen haben, was sie gut oder sogar sehr gut gemacht haben und wo noch Verbesserungspotenzial auszumachen ist. Solche Übungen werden regelmässig durchgeführt.

Um 18.45 Uhr ist der Rapport beendet. Die Aufträge sind erteilt, die Mitarbeitenden aus den Fachbereichen schwärmen aus, gehen wieder zurück an die Arbeit. 

Das Szenario: Trinkwasserverunreinigung

Geprobt wird an diesem Abend der Ernstfall. Das Szenario dazu: Trinkwasserverunreinigung in der Gemeinde Zurzach. Es ist ein realistisches Szenario, wie die Ereignisse in Klingnau im November/Dezember 2025 gezeigt haben. 

Irina Nüesch, Sektionsleiterin Trinkwasser beim Amt für Verbraucherschutz, führt näher aus, welches Szenario man vor Augen hatte für diese Übung. Sie spricht nicht nur im Namen der Sektion Trinkwasser, sondern auch im Namen der Sektion Katastrophenvorsorge, die die Übung durchführt. 

Das Szenario geht von folgenden Ereignissen aus: Zwei Lkw, einer davon mit Frostschutzmittel-Gebinden beladen, stossen auf einer Kantonsstrasse bei Bad Zurzach zusammen. Einzelne Kanister werden aufgerissen. Auch der Treibstofftank des umgestürzten Lkw ist beschädigt, sodass Diesel ausläuft. Dummerweise erfolgt der Unfall in einem Bereich, in dem vor über 50 Jahren einmal eine 30 Meter tiefe Sondierbohrung ausgeführt wurde. Vermutlich im Zusammenhang mit der Planung für ein Strassenbauprojekt. Das alte Bohrloch ist längst ausser Funktion, seine Rohre bilden aber bis heute eine Art «Brücke» ins Grundwasser, über welche im Szenario das Diesel-Frostschutzmittel-Gemisch – sehr langsam – ins Grundwasser gelangt.

Aus diesem Grundwasser gewinnt die Gemeinde Zurzach täglich ihr Trinkwasser. Über ein Grundwasserpumpwerk pumpt sie es in höher liegende Reservoirs und versorgt von dort aus die Bewohner des Fleckens mit Wasser. 

Gemäss Szenario vergehen nach dem Unfall mehrere Wochen, dann melden sich erste Einwohner beim Brunnenmeister, sie berichten von Dieselgeruch. Der Brunnenmeister geht der Sache nach und ist bald auch im Grundwasserpumpwerk, wo er feststellt, dass es auch dort nach Diesel riecht. 

Wie es für so einen Fall vorgeschrieben ist, setzt er sich mit der Sektion Trinkwasser im Amt für Verbraucherschutz in Verbindung und schildert die Lage. Er weiss bereits, wie er das Problem beheben könnte, gemeinsam mit der Sektion Trinkwasser bespricht er den Lösungsweg. Weil sich der Brunnenmeister danach voll auf seine Arbeit konzentrieren können muss, weist die Sektion Trinkwasser die Gemeinde Zurzach an, sich um die Information der Bevölkerung zu kümmern. 

Übung – aber realitätsnah

Der erste Alarm geht am 10. März um 11.55 Uhr raus, über die nationale Plattform «Alertswiss». Über diese Plattform respektive diese App würde die Bevölkerung auch im Ernstfall alarmiert und laufend informiert. 

Für die Übung von Dienstagabend wird dieser Alarm nur «gespielt», die alarmierten Partner erhalten auf ihr Smartphone aber gleichwohl eine exakt wortgleiche Meldung wie sie im Ereignisfall tatsächlich reinkäme. Es sollen, das ist das erklärte Ziel der Übung, alle Prozesse authentisch durchgespielt werden. 

Nach einer ersten Konferenz zwischen Gemeinderat, Brunnenmeister und Sektion Trinkwasser wird zur Unterstützung der Gemeinde das Regionale Führungsorgan aufgeboten. Dieses soll, so das Szenario, im Bereich Information und in der Koordination von Mitteln unterstützen. Denn: von einer Trinkwasserverunreinigung wären in Zurzi nicht nur die Bevölkerung, sondern auch Bauernhöfe, Lebensmittelbetriebe und Institutionen wie Zurzach Care und das Generationenhaus Pfauen direkt und vermutlich tagelang betroffen.

Der Kanton überprüft

Soweit das Szenario. Die eigentliche Übung begann am Dienstag mit dem Aufgebot des Kernstabes, bald darauf folgte der bereits erwähnte Startrapport um 17.15 Uhr. 

Mit dem Einsatz und den Entscheidungen der Beübten, die Ad hoc und aus dem Stand Leistung auf Anhieb erbringen müssen, zeigt sich Roger Weber, Gesamtübungsleiter der Sektion Katastrophenvorsorge, bei Halbzeit der Übung am Dienstagabend sehr zufrieden. 

Die Involvierten, so Weber, seien rasch im Szenario drin gewesen und hätten zeitnah erste wichtige und richtige Aufträge ausgelöst. Nur wenige Stunden nachdem der Alarm raus ist, liegt, um nur ein Beispiel zu nennen, im Entwurf bereits eine Medienmitteilung vor, die bald darauf veröffentlicht werden soll. Sie wird die Bevölkerung zu dem informieren, was bereits bekannt ist, und sie wird die Nummer einer Hotline und eine Kontaktadresse enthalten, wohin sich allfällig Betroffene und besorgte Bürger mit ihren Anliegen wenden können. Eine zeitnahe Information, das bestätigen sowohl Roger Weber als auch Irina Nüesch, kann im Ernstfall entscheidend sein für eine erfolgreiche Bewältigung des Ereignisses. 

Beeindruckt ist Weber von den Stellvertretern in den Organisationen des Bevölkerungsschutzes. Bewusst hat man die Chefs des RFO, die für gewöhnlich «in charge» sind, aus der Übung raus und in die Übungsleitung genommen, sodass die stellvertretenden Chefs gefordert sind. 

Wertvolle Erkenntnisse

Klug war es auch, die Gemeindebehörden von Bad Zurzach – konkret sind es der ressortverantwortliche Gemeinderat Ruedi Indermühle und Tiefbau-Chef Henrik Wilke, sowie die Brunnenmeister Christian Meier und seinen Stellvertreter Silvan Schenk – direkt in die Übung zu involvieren. Sie wurden zwar nicht beübt, erleben aber als «embedded players» eins zu eins mit, wie so ein Szenario im Ernstfall ablaufen könnte und zu bewältigen wäre. Es sind die Gemeinden, die mit der Unterstützung des RFO bei solchen Ereignissen die Entscheide zu fällen haben. 

Gemeinderat Ruedi Indermühle zieht ein positives Fazit zur Übung. Es sei eine interessante, realistische Übung gewesen. «In einem solchen Fall ist man als Gemeinde dankbar, dass man mit dem RFO einen kompetenten Partner hat, der aufgeboten werden kann. Die Unterstützung in der Kommunikation oder der Lagedarstellung für die erforderliche Übersicht für den Gemeinderat als Entscheidungsträger im Ereignis sind hilfreich. So hat der Gemeinderat einen geschulten Partner, der dem Gemeinderat bei der Entscheidungsfindung unterstützt.»

Dem kann auch RFO-Chef Andy Walder nur beipflichten. Das RFO, so Walder, erarbeite für die Gemeinde Lösungsvarianten und unterbreitet diese dem Gemeinderat zum Entscheid. «Sobald entschieden ist, wird die Massnahme durch das RFO koordiniert und bei Bedarf, mit ergänzenden regionalen Mitteln der verschiedenen Partnerorganisationen, umgesetzt.»